Aufnehmen und Sichtbarmachen/Meditationen über das Material der Fotografie

Wenn wir beim Betrachten einer Fotografie mit bedenken, dass die Geschichte des vergangenen Moments, der darin zu sehen ist, von einem anderen Standpunkt aus anders gesehen haette werden koennen, dann erscheint uns diese Fotografie nicht als das “so war es” dieses Augenblicks, sondern als “so ist es gesehen worden” desselben. Diese Einsicht laesst uns die Fotografie als Moeglichkeit lesen. Als Moeglichkeit einer Darstellung dieses Augenblicks und nicht als die Darstellung dieses Augenblicks. Verwunderlich ist, dass wir diesen Moeglichkeitsaspekt einer Fotografie selten mit bedenken, offensichtlich weil wir Fotografien weithin mit dem Anspruch betrachten, dass sie uns sagen solle, wie es war und nicht wie es gesehen worden ist.

Genau wie der Kamerastandpunkt bestimmt auch die Wahl des Blickwinkels und des Ausschnitts, wie der abgebildete Moment erzaehlt wird. Im Film kann man gut beobachten wie in der Chronologie der “bewegten” Bilder verschiedene Standpunkte, Blickwinkel und Ausschnitte innerhalb einer Szene durchgespielt werden. Ueberraschend ist hierbei wie stark sich Raum, Kontext und Phsychologie der gleichen Szene durch die unterschiedlichen Einstellungen verschieben koennen. In der Fotografie sind diese Einstellungen ebenso bildbestimmende Entscheidungen, die vom Fotografen im Moment des Ausloesens gemacht werden. Die Wirklichkeit, die dabei abgebildet wird, verhaelt sich zur Fotografie wie der Ton zur modellierten Skulptur.

Barbara Probst, 2014


(Mis)Understanding Photography published by Edition Folkwang/Steidl, exh. cat., p. 30, pp. 48/49
2014