Näher an der Wahrheit, ein Gespräch mit Barbara Probst

 

Näher an der Wahrheit

Wie die Fotografin Barbara Probst ihre Wahrnehmung des Lockdowns in Kunst verwandelt

Janka Burtzlaff spricht mit Barbara Probst

JB: Seit 2000 zeigen Sie in ihren Fotoreihen, den „Exposures“, New Yorker Straßenszenen. Auch während des Shutdowns letztes Jahr haben Sie die Arbeit fortgesetzt. Wie haben Sie die veränderte Lebenswelt selbst wahrgenommen?

BP: In den letzten Jahren habe ich mich meist mit Stilleben, Akt- und Modefotografie befasst. Die surreale Stille und Menschenleere in New York im lockdown im letzten Frühjahr haben mich dann veranlasst wieder mit meinen Kameras auf die Strassen zu gehen. Vorwiegend habe ich in meiner Nachbarschaft, in Soho gearbeitet, dessen plötzliche Reglosikeit eine starke Anziehungskraft auf mich hatte. Die Strassen waren, auch dadurch dass jegliche Fahrzeuge fehlten, wie mit einem grossen Besen leergefegt, so dass die erzählerischen Cast-Iron-Fassaden ihre ganze melancholische Schönheit entfalten konnten. Auf der anderen Seite wirkte die Stille wie die nach einem Unfall, wie im Schock, als hätte die Stadt vergessen zu atmen. Es war also auch ein sehr düsterer Unterton in dieser Schönheit. Und es war als wäre der Schein von allem weggefallen und wir wären näher an der Wahrheit angekommen.

JB: Nach fast einem Jahr wirken die Bilder von nahezu menschenleeren Städten und abgeriegelten Gebäuden noch immer äußerst befremdlich, müsste man sich nicht inzwischen an das Bild gewöhnt haben? Was ist es, was Ihre Fotografien so ungewöhnlich wirken lässt?

BP: Vielleicht ist es die Tatsache, dass diese Bilder von den Strassen eigentlich wie Stilleben wirken. Das Model steht wie eine Vase auf der Strasse: gerade und neutral, ohne eine Pose, welche eine Bedeutung oder Aktivität assoziieren liesse. Eben wie ein Gegenstand. Auch die Briefkästen, Hydranten und Ampeln und die geteerte Strassendecke mit ihren Zebrastreifen, Pfeilen und Markierungen wurden zu Elementen des Stillebens. Vor dem lockdown gab es zwischen einer Strassenszene in New York und einem Stilleben wirklich absolut keinen Bezug. Und diesen ungewöhnlichen Zusammenhang bringen die Bilder wohl zu Tage.
Abgesehen davon hoffe ich, dass das Strassenbild des lockdowns für uns weiterhin eine absolute Ausnahme bedeutet und dementsprechend ungewöhnlich wirkt. Ansonsten wäre das ein ungutes Zeichen für unsere Lebendigkeit und die der Gesellschaft. Der lockdown in New York endete letzten Sommer und ist seither auch nicht mehr verhängt worden.

JB: Wenn das gewohnte Umfeld plötzlich fehlt, liegt darin eine Chance etwas zu erkennen, was sonst übersehen wird?

BP: Als die Menschen fehlten und damit die Lebendigkeit und hoch getaktete Energie der Stadt, stellten sich für mich plötzlich Fragen über genau das, was da fehlte. Fragen, die sich mir davor nicht auf so grundlegende Weise stellten. Sicherlich haben Menschen überall auf dieser Welt diese Erfahrung gemacht. Als überstimulierte Bewohnerin des hoffnungslos übervölkerten New Yorks von damals wurde ich auch von einer mir unbekannten Sehnsucht nach dem Umgang mit anderen Menschen überrascht. Eine Entdeckung, die mich nachhaltig wohltuend in meinem Alltagsleben beeinflusst.

JB: Welches Potential sehen Sie in der Irritation? Auf was können Betrachter*innen stoßen, wenn Sie neuen Situationen und Perspektiven ausgesetzt sind?

BP: Eine neue Perspektive auf etwas lässt einen ja erkennen, dass man, obwohl man dasselbe sieht, es nun –aus der anderen Perspektive- irgendwie doch anders sehen kann. Und auch, dass dieser andere Blick die gleiche Berechtigung hat, wie der gewohnte Blick. Genau auf der Fähigkeit dies zu erkennen beruht auch Empathie. Empathie ist die Fähigkeit und Bereitschaft Motive und Gefühle anderer nachzuempfinden. Die Perspektive des/der anderen einzunehmen ist ein Akt der Empathie. Das ist ein enormes Potential.

JB: Das Inszenatorische in Ihren Arbeiten gibt immer wieder die Nähe zum Filmischen und Fiktiven her. Braucht es das, um eigene Vorstellungen, was als nächstes passiert, anzuregen? Und was wäre bei dokumentarischen Aufnahmen anders?

BP: Wie in den Strassen letztes Jahr, versuche ich eigentlich in all meinen Arbeiten die Szene, die fotografiert wird möglichst belangslos und uneindeutig zu gestalten, so dass Vorstellungen vom Davor und Danach im Unklaren bleiben. Mich interessiert in meiner Arbeit nicht das, was ich fotografiere, sondern wie unterschiedlich ich es darstellen kann mit Fotografie. Ich möchte dem unvermeidbar Erzählerischen im Bild etwas Kraft nehmen, um den Raum zu öffnen für die Frage nach dem Wie der Erzählung.

JB: Bei Ihrer Aufnahmetechnik gehen Sie multiperspektivisch vor und ermöglichen eine Gleichzeitigkeit, die alles im Blick hat. Was wäre an unserer Wahrnehmung anders, wenn der Mensch genau das leisten könnte? Und könnte in dieser menschlichen Unmöglichkeit auch ein Vorteil liegen?

BP: Ein multiperspektivisches Sehen würde wohl unser Handeln im Alltagsleben sehr verlangsamen, weil wir ständig die Information der verschiedenen Standpunkte vergleichen und miteinander abwägen müssten. Unsere Ein-Standpunkt-Sicht auf ein sehr kleines Detail der Welt und der Wille dieser Perspektive unseren Glauben zu schenken, ist sehr praktikabel und hilft uns zu handeln und das Leben als fliessend zu erleben.
Wenn wir bei komplexen Entscheidungsprozessen innehalten und die Sehweise von Protagonisten verschiedenster Standpunkte zulassen und gegeneinander abwägen, ist das ja nichts anderes als eine Art Reinszenierung eines multiperspektivischen Wahrnehmens. Und bekannterweise ist es ein sehr wertvolles Vorhaben über seine Ein-Standpunkt-Sicht hinauszuwachsen.

Janka Burtzlaff
Kulturnews
2021